Ein paar kurze Worte zu Heiligendamm.

Die Demonstration am 2. Juni durch Rostock war mit ca. 80.000 Teilnehmenden ein Erfolg, trotz der Bilder in den Medien. Bunt, laut und kreativ, so wie ich das von Latschdemonstrationen erwarte. Ich gebe zu, ich war nicht von Anfang an dabei, habe mich von der Party des Vorabends und anstrengenden Anreise ausgeschlafen. Erst zum Konzert und zu den abschließenden Reden habe ich mich eingefunden, Walden Bello gehört und gesehen was passierte. Begleitet von ständiger Polizeirepression ging hier eine friedliche Manifestation von vielen Meinungen in unglaubwürdiger Gewalt unter. Natürlich gab es derer genügend, die denken, Ihren Protest mit Steinen und Flaschen zum Ausdruck bringen zu können. Die Mehrheit aber hat getanzt, gefeiert und: zugehört. Die Stadt, im übrigen, hatte sich mehr oder weniger verbarrikadiert. Viele Geschäfte, die Angesichts der mehrheitlich konsumorientierten Menschen wohl gute Tage gehabt hätten, versteckten sich hinter Holzwänden. Und doch: subversive Aktion war bereits auf dem Rückweg spürbar – über Rostock wehte, begleitet vom Bass des Barios der Hedonistischen Internationale der Wind von Veränderung.

Die nächsten Tage waren geprägt von der Diskussion über die Vorgänge am 2. Juni. Erklärungen von Attac und Linkspartei Sachsen, von Raul Zelik und anderen Gruppen waren die Folge. Fern liegt mir die Verurteilung der Demo-Gewalt ob der strukturellen Gewalt, der von der kapitalistischen Gesellschaftsformation als solcher ausgeht. Fern liegt mir auch, jeden Idioten zu verteidigen der meint aus Reihe 10 auf Demonstranten in Reihe 1 zu werfen. Erlebt habe ich in den Barios wie sich innerhalb kürzester Zeit 5.000 Menschen selbst organisieren, Arbeiten übernehmen und das ohne darauf zu warten, das jemand Bedürfnisse erfüllt. Denn das ist doch wohl das Hauptproblem der kapitalistisch degenerierten Gesellschaft: warten auf den Markt. Viele warten, bis jemand kommt der Wasser bringt, Essen kocht und Müll wegräumt. Wenn das grade mal nicht geht – verlässt der eine oder die andere die Wasserstelle eben wieder, es wird bestimmt jemand machen.

In den folgenden Tagen fanden viele Aktionen statt – Aktionstage zu Militarisierung und Krieg, Landwirtschaft und Migration, der Alternativgipfel mit u.a. Jean Ziegler und Anhörungen der Linksfraktion im Bundestag in Bad Doberan mit Oskar Lafontaine und Walden Bello. Auch im Camp Rostock war einiges los: Rave against the machine, Diskussionen mit Elmar Altvater und zum Strafrecht habe ich besucht sowie einen Sanikurs. Daneben viel kulturelles und lecker vegane Essen aus der Volksküche. All das ist nur eine kleine persönliche Auswahl.

Besonders wichtig – für die Klarheit und die Organisation – waren die Blockadetrainings von Linksjugend [’solid] und Block G8. Dienstag – Donnerstag war Alkoholverbot im Camp. Deutschlands größte Zeitung schrieb, der „Lageranführer“ hätte dies beschlossen. Das war zu kurz gegriffen – das Plenum des Camps in Rostock hatte sich schon am Samstag darauf geeinigt, vor Aktionen auf Alkohol zu verzichten und an diesen Tagen den Verkauf zu unterbinden. Einige Berliner entdeckten bald den nebenan angesiedelten Supermarkt der Lidl-Kette und sicherten sich so Ihre Milchkonsumtion.Vom Mittwoch bis Freitag blockierten 15.000 die Zufahrtsstraßen nach Heiligendamm, teilweise wieder unter massiver Polizeirepression, weitestgehend jedoch gewaltfrei. Zwar warhatten die staatlichen Stellen einen B-Plan in der Hand- dieser machte aber die grundgesetzwidrige Beteiligung der Bundeswehr mehr als offensichtlich. Auf diesen Blockaden waren – meist – Partystimmung und Hippiedasein dominierend – aber auch die Möglichkeit, sich via Deligiertenplenum aktiv in das Geschehen einzumischen. Die Versorgung der Blockierenden hat – trotz Polizeimaßnahmen – hervorragend geklappt durch Vokü, durch die in den Camps verbliebenen Menschen und durch die Solidarität der Anwohnenden. Fazit: Ich habe die Demonstration und Ihre Ausschreitungen gesehen, auch die nächste Tage im Camp erlebt und von vielen Leuten besuchte Blockaden betrachtet. Neben Repressionen und Gewalt die mich wütend gemacht haben, erlebte ich Solidarität und Spontaneität, selbstbestimmte Organisation und viele sehr gute inhaltliche Diskussionen. Und eben selbstorganisierte Demokratie, ohne jede Politikverdrossenheit. Katja Kipping zitiert in ihrem Artikel die Schlußworte Jean Zieglers auf einer Veranstaltung des Alternativgipfels:

Ich habe diesen Frühling erlebt und die Gärtner mit den Scheren gesehen.