Antipali: Kufiya Feigale - ein paar Worte mehr
Ich hatte vorige Woche ja eine spezielle Kufiya in den Links, und irgendwie scheint das so einigen Googletraffic zu erzeugen. Deshalb ein paar Worte mehr dazu.
Erstmal, warum ich - trotz derzeitigem Modediktat - ausdrücklich kein “Palituch” trage, es sogar ablehne mit Leuten zu interagieren, die dies zu tun: für mich ist es, ähnlich dem christlichen Kreuz oder dem Kopftuch für Frauen eine politische Aussage. Mag sein, dass jemand jetzt sagt, eh - Glauben und so. Nixda - Metaphysik darf in der politischen Auseinandersetzung keine Rolle spielen. Aber zurück zur Terrorwindel, sie mit religiösen Gefühlen zu verbinden, wäre ja sowieso Quatsch. Wofür steht es also, dass Pali?
Zuallererst kommt immer wieder der linke, radikale Chic. Und das der Fetzen doch wohl von so vielen Linken bis tief in die Neunziger getragen wurde. Und, ja: ich hatte auch mal eines. Nur, radikal wogegen? Das Tragen des Palituchs ist Ausdruck einer Abkehr vom Westen. Im Prinzip ist die Aussage, die durch diese Tücher gemacht wird, ganz einfach: Wir gehören zusammen, wir sind solidarisch mit einem “entrechtetem” Volk und daraus folgt, dass wer sich weigert als Feind behandelt wird. Es geht nicht nur darum, eine eigene Kultur in Koexistenz aufzumachen, sondern um die Bekämpfung des Westens. Der “Westen” meint in diesem Fall besonders Israel - durch die Verknüpfung der Kritik mit einem - regional bedeutsamen Stück Stoff. Richtig “eingeführt” wurde es in Palästina erst 1936 - bis dahin war das Tragen von Hüten normal. Die Bezugnahme auf Palästina ist so auch nicht richitg: ähnliche Tücher werden im gesamten Mittleren Osten getragen, als Sonnenschutz.
Womit der eigentlich wichtige Punkt erreicht ist - die Solidaritätserklärung mit Palästina. Das ist ja jetzt nicht so einfach.
Implizit heißt das natürlich sich zu solidarisieren mit Menschen (oder besser ehemaligen Menschen), die sich in Diskotheken, Kneipen oder Kinos in die Luft jagen, oder jedem Israeli den Tod an den Hals wünschen würden (auch hier lasse ich die Vermengung von Metaphysik und Politik mal beiseite). Solidarisch auch mit Ländern (nicht nur Palästina), in denen Frauen unterdrückt, Homosexuelle gesteinigt und Andersgläubige verhaftet werden. All das, was linke Menschen als unemanzipatorisch ablehnen würden - hier - dort mehr oder minder Alltag, wenn auch fetischisiert, verdrängt.
Explizit ist das Tragen der Kufiya eine sehr völkische Aussage, ist es doch (vor allem in DLand, wahrscheinlich) eine Aussage zum “Befreiungskampf des palästinensischen Volkes”. Warum gerade Palästina? Weil es indirekt gegen die Juden und ihren sie schützenden Staat ging? Was aber ist grundsätzlich von einer Volksbefreiungsbewegung wie der palästinensischen zu halten, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, den Staat Israel zu vernichten? Israel als bürgerliche Gesellschaft hingegen ist auch ein schützender Hafen für all diejenigen, die in arabischen Staaten keine Chance hätten: Schwule, Lesben, selbstbewusste Frauen, Atheisten und Nonkonformisten, die keine Lust haben, ihr Leben als Märtyrer zu beenden.
Und warum die Nazis heute Palitücher tragen? Weil sie - na klar - Antisemiten sind, und weil sie viel Bewunderung aufbringen für ein Volk, deren Mitglieder bis zur physischen Vernichtung kämpfen für ihren Boden, der heilig genannt wird. Da sind die Nazis ein bisschen neidisch, dass sie das nicht haben, diesen mörderischen und mordenden Alltag.
Das Palituch ist die Geschichte einer linksradikalen Verirrung oder eines Irrtums. Es ist Zeit, diesen Irrtum zu erkennen und in Zukunft einen Schal von H & M, C & A oder von Vati genäht zu tragen.
(kursiv: Coole Kids tragen keine Pali-Tücher, http://www.copyriot.com/sinistra/reading/texte/coolekids.html)
Naja, das Ende vom Lied ist, das ich mir jetzt doch eine Kufiya bestellt habe. Eines mit Davidsternen, Buttplugs und anderen Symbolen. Sozusagen als stillen Widerstand gegen diesen Modetrend. Zu bestellen gibt es das ganze unter http://www.antipali.com. Kufiya Feigale ist eine Arbeit des Berliner Künstlers Johannes Raether. Ohne die Hilfe von SDW und der Crisco-connection wäre es aber dann doch nichts geworden. Danke!
Johannes Raether hat hier seine Internetseite: www.jppr.tk.
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