Artikelschreiben im Twitterrausch
Ein Redakteur des Spiegel bekommt mit, dass der SPD-Generalsekretär Heil - fasziniert von Barack Obama - zum Parteitag der Demokraten gereist ist und von dort im “Jugendjargon” über die “Kracher”-Rede von Michelle, “finstere” Republikaner und die Einkäufe mitreisender SPD-Politiker bloggt (…). (leicht modifizierter Spiegel Teaser)
Thomas Knüwer (Indiskretion Ehrensache) stellt richtigerweise fest, worum es dem Spiegel wohl geht:
Schon sehen wir da erste boulevardistische Absichten, gepaart mit Unkenntnis. Twitter ist kein klassisches soziales Netzwerk, es sei denn man möchte Spiegel Online auch als soziales Netzwerk seiner Autoren… Obwohl, irgendwann hat ja mal ein führendes Mitglied der Spiegel-Online-Redaktion behauptet, das Angebot sein ein Blog. Spiegel Online also kann alles. Oder glaubt es.
Es scheint man schießt sich schon ein auf die Wahl(kampfmittel) 2009, zuerst Blogs, jetzt ebend Twitter. Einen ähnlichen Artikel erwartet ich täglich über StudiVZ (Andrea Nahles Mitglied in der Gruppe “Lasst mich hier rein.”) oder ähnliche Kaliber. Fest steht: richtig ist Nico Lummas Feststellung, es kämen ein Wahljahr des mit veränderter politischer Kommunikation. Für richtig halte ich aber auch, dass man scharf trennen sollte zwischen Amerikanischen Verhältnissen und deutschen Zuständen. Klar, man kann von Obamas Nutzung des Netzes und vor allem im Bereich Networking viel lernen, (Micro)Blogging, SocialNetworking, vor allem Fundraising usw. werden auf jeden Fall Teil der Wahlkämpfe 2009 sein. Kern von Obamas Kampagne war es doch eben, das nicht mehr von Großindustriellen Spenden eingesammlt wurden, sondern das massiv um Kleinspenden geworben wurde. Damit wurden den Menschen das Gefühl gegeben, Ihren Kandidaten direkt beeinflussen zu können.
Es wird aber anders sein als Obamas Kampagne, deutlich anders. Hauptsächlich jüngere Kandidatinnen und Kandidaten werden die neuen Möglichkeiten nutzen, die Parteienstruktur wird aber dazu führen, dass man nicht wird sagen können, hinter wem sich ein Wahlkreismitarbeiter verbirgt und hinter wem der tatsächliche “Mensch”. Wer weiß das schon noch. Ob die Möglichkeiten der politischen Kommunikation erkannt werden, weiß ich nicht.
Am interessantesten finde ich dabei, dass Heil meist Fragen beantwortet (was der Spiegel ausklammert), oder darüber (das stellt auch der Spiegelartikel richtigerweise fest), was sich die Kollegen Abgeordneten so kaufen und wer so alles dort ist. Wenn so die Möglichkeiten des Netzes einen neuen Typus des Politikbetreibens schafft, einen offenen, an den man leicht andocken kann - und der auch (Nach)fragen zulässt und beantworten, Kommentare mithin: dann könnte sich das “Bild” der Politikbetreibenden auch ändern. Politik 2.0, sozusagen. Und das hatten wir hier ja schon.
blog@planet.org:Was ist denn nur mit dem SPIEGEL los?
Simon Columbus: Keine Experimente!
DNC: Nachhilfe für SPD-Obama Hubertus Heil?
Hansjörg Schmidt: Twitternder Generalsekretär
Alles bei zum Thema bei rivva.de
Schlagwort: Blogs, Obama, Partei, Politik, Twitter, Wahlkampf
Internetpartei SPD: Hubertus Heil twittert…
Hubertus Heil
Gerade hatte die CDU eine Pressemitteilung herausgegeben, in der sie behauptete die modernste Internetpartei Deutschlands zu sein, weil sie jetzt auch endlich einen eigenen YouTube-Kanal hat, da zeigt ihr die SPD das sie in Sachen Web 2.0…
eat this, spd: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,578130,00.html
ich finde die Tatsache, dass Huberturs Heil twittert genau den richtigen Ansatz. ob es inhaltlich viel zu sagen gab, sei jetzt dahin gestellt.
Deutschland hat Aufholbedarf darin, wie die Politik das Internet nutzt (nämlich so gut wie gar nicht). Verhältnisse wie in den USA wird es nie geben (was nicht wertend gemeint ist), dennoch wird sich hoffentlich in Zukunft etwas ändern in dieser Hinsicht.
Gespannt bin ich vor allem darauf, ob und welche Dienste Parteien bis zu den Bundestagswahlen in einem Jahr nutzen.
http://www.schafott.net/2008/09/internet-statt-marktplatz-demokratie-20/
Schon richtig, das Hubertus Heil twittert ist nice, ich wünsche mir durchaus auch, das “Politiker” - Kommunalpolitiker mithin - twittern. Immer. Mehr. Nicht nur zur Wahl. Vorher müsste man aber das Bild vom Handeln im Rahmen der parlamentarischen Demokratie ändern :).
Und was den Aufholbedarf gegenüber den USA angeht - danke, nein. Ich denke, Dtl. & USA sind auf einer Höhe, was die Nutzung angeht - nur das wir halt viel weniger Leute hier sind - und den “Qualitätsmedien” bloggenden Politiker ebend erst auffallen, wenn Sie vom Parteitag der Demokraten in den USA twittern.
Was dort einer Tageszeitung wahrscheinlich kein müdes lächeln abringen würde.
Ich denke nicht, dass Deutschland in Sachen Nutzung mit den USA auf einer Höhe ist. NAtürlich es gibt ein paar Blogs von Politikern, doch sind diese meist Linke bzw Grüne. Doch diese repräsentieren weiß Gott nicht die gesamte Parteienlandschaft. Wenn auch die “Volksparteien” die neuen Medien nutzen und in ihre tägliche Arbeit bzw in Anbetracht der Bundestagswahlen im Herbst 2009 einbinden - dann mag ich erst von Augenhöhe mit den USA sprechen.
Hm.
a) in absoluten Zahlen mag das stimmen, allerdings weiß ich auch nicht, wie viele US-Republikaner (Mitglieder) im Verhältnis zu den Mitgliedszahlen bei den Republikanern bloggen, bzw. wie viele Senatoren und Congressman im Verhältnis zu den Mitgliedern des Senates / Kongresses bloggen. So viele sind das nicht.
b) es gibt deutlich mehr Amerikanische Staatsbürger als Deutsche (Verhältnis etwa 3:1), ergo auch deutlich mehr Blogger, ergo auch deutlich mehr bloggende “Politiker”.
c) habe ich immer ein generelles Problem damit, da so resolut zu sein. Wenn ein deutscher Spitzenpolitiker übers kochen bloggt - ist das ein politisches Blog? Wenn ein Deutscher Koch über Politik bloggt, ist das dann ein Kochblog?
d) Angesichts der Erosion der politischen Ämter und Mandate (Misik lesen!) verschiebt sich das gerade alles. Bin ich Politiker, weil ich politisch blogge? Reiche ich dir nicht, weil ich kein kommunales Amt habe?
e) es gibt auch genügend Blogs der (freien) Rechten oder von Konservativer Seite - die pageviews von political incorrect o.ä. dürften an die des Spiegel heranreichen. Auch die KOonservativen werden eines Tages auf den Trichter kommen. Es hat denke ich nicht so sehr etwas mit Ausrichtung zu tun als vielmehr etwas mit Technikaffinität. Und zwingen zum bloggen willst du doch auch keinen, oder (was wäre das denn für eine sozialdemokratische Position).
f) ist genau jetzt der Zeitpunkt, sich von diesem Schema zu lösen - links, rechts, mitte - Mumpitz. Politiker wird man, wenn man seine Meinung der Öffentlichkeit kundtut - und was ist bloggen anders, als seine Meinung der Polis kundzutun. Auch wenn diese vielleicht nicht liest, das bleibt ja der Polis überlassen :). Ein Kochblog ist somit ein sehr politisches Blog, auch wenn es vielleicht nur um die Zubereitung von Kaiserschmarrn geht .)
Und das die großen Parteien das Netz 2009 anders nutzen werden als 2005, das liegt glaube ich auf der Hand. Große Dinge passieren …
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