Karl Marx und seine Nachfolger gaben sich auffällig nüchtern und rational. Das lag wohl daran, dass die Kapitalismuskritiker damals als Romantiker und Träumer galten, als realitätsferne Wirrköpfe. Darauf reagierte man mit betont kaltschnäuziger und kühler Art. Diese Profilneurose führte zu Wortschöpfungen wie „real existierender Sozialismus“ oder die Überhöhung des „Marxismus“ zu einer „Wissenschaft“ – wenigstens in den Staaten, in denen das staatlich verordnet werden konnte.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob in dem Artikel in der brandeins ein Hohelied auf Pragmatismus und Nüchternheit gesungen werden soll, oder ob es eher um Stillhalten und Mitmachen geht. Vielleicht braucht es leidenschaftliche Nüchternheit, um die Welt zu verstehen, und im richtigen Moment nüchterne Leidenschaft, um sie zu verändern.

Die dazugehörige Schlüsselpassage findet sich in Marx’ und Engels’ Bestseller „Kommunistisches Manifest“ und lautet: „Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neu gebildeten veralten, ehe sie verknöchern können“ – und gleich anschließend erfährt man, wohin das führt: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

Aber wahrscheinlich ist es dann doch so, dass das verwechselt wird.

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