Rise so high, yet so far to fall.

Politik war immer ein Thema. Es begann 1989, wurde 1991 / 1992 schlimmer, steigerte sich bis zum Beginn des neuen Jahrtausend, und nahm dann nach und nach ab. Es war so sehr Thema, dass wir Jugendlichen irgendwann das Verbot bekamen bei Familienfeiern politisch mit zu diskutieren, weil wir aus pubertären Gründen zum Überspitzen neigten, was für Aufregungen sorgte. Das wiederum ist angesichts der Ereignisse in meiner frühen Jugend nicht weiter verwunderlich. Ein Land war untergegangen, weil die Erwachsenen beschlossen hatten, das alles was sie uns vorher als richtig erklärt haben plötzlich falsch ist. Für zwölfjährige sehr spannend. Im neuen Land war dann alles so, wie es uns vorher erklärt wurde (jaja, Ideologie), wie wir es annahmen, wie selbst die Altvorderen es unter der Hand zugaben. Nur öffentlich wurde anderes gesagt. Bei solchen Vorbildern musste man politisch werden.

A plan of dignity and balance for all.

1992 kam ich nach Hof in Oberfranken in die Schule (ganz freiwillig) und verließ damit zumindest tagsüber Plauen. Es war ein anderer Mikro- und Makrokosmos, der mich prägte als der, in dem ich aufwuchs und lernte. Die Städte Franken waren noch die „rote Ecke“ Bayerns, dominiert von traditionellen Sozialdemokraten und Arbeiterinnenkultur. Meine Lehrer waren Sozialdemokraten, zumindest die Vorbilder unter Ihnen. 1996, mit Beginn meiner Lehre, wurde ich ganz selbstverständlich Mitglied der SPD, auch wenn diese damals schon nurmehr ein Abbild dessen war, was sie in ihrer Geschichte darstellte. Es war nett bei den Jusos, bald unternahm ich meine ersten Schritte in bayerischer Landespolitik. Das mag jetzt hochtrabend klingen, weil viel auch Selbstbeweihräucherung war, aber hey, wir haben über Schulpolitik geredet, Aktionen gegen Faschisten unternommen (nicht ansatzweise so gehaltvoll wie in späteren Jahren, kreative Aktionsformen zogen gern auch Diskussionen über Radikalität und die FDGO nach sich), Marx und Keynes studiert – was mensch halt bei den Jusos so treibt, wenn mensch sich treiben lassen kann.

Political breakthrough, euphoria’s high.

Schon 1995 hatte ich mein politisches Erweckungserlebniss, es verfolgt mich seitdem in Form von Oskar Lafontaine. 1999 wechselte ich zur damaligen PDS, die dann erst zur Linkspartei, dann zu Die Linke. wurde. Als ich nach Leipzig kam, hatte ich Erfahrungen in (zugegeben bayerischer) Landespolitik, in bundes- und europapolitischen Themen, zusammen mit anderen einen Bezirksverband aufgebaut und verschiedene lokale Organisationen betreut. Hier in Leipzig ging es genau mit diesen Themen weiter, auch wenn sich eine so „alte“ Partei deutlich von den Möglichkeiten in Oberfranken unterschieden hat. Leider hat das Alte auch sehr schnell meine Motivation gedämpft, lokal mitzumachen, daher habe ich mich auf Landes- und Bundespolitik beschränkt.

More borrowed money, more borrowed time.

Aber darüber will ich eigentlich gar nicht schreiben, das solte nur die Einleitung sein, die ist jetzt länger als das was kommt.

Backed in a corner, caught up in the race.

Mir geht es dieses Jahr zum ersten Mal so, das ich  mich nicht – direkt, im Vorfeld oder indirekt – an den Wahlkämpfen zu den Bundestagswahlen beteilige. Das hat verschiedene Gründe, die zum kleinen Teil in der Linkspartei, aber ehrlich gesagt zum großen Teil in mir selbst liegen.

Means to an end ended in disgrace.

Und ein Teil in Die Linke. ist der derzeitigen lokalen Führung und deren Stil geschuldet, meine Motivation zu mitzuwirken ist recht schnell bei Null gewesen. Das konnte von anderen Aktivitäten eine Zeit lang gut aufgefangen werden, aber irgendwann waren die Wochenende ohne dies schöner. Zur Zeit spiele ich lieber mit dem Kind, und bald mit den Kindern

Perspective is lost in the spirit of the chase.

Der wesentlich größere Teil liegt aber in mir selbst. Ich habe im Moment einfach besseres zu tun. Wenn ich das Leben jetzt mit dem Leben vorher vergleiche, sind die Wochenende zwar nicht so ausgefüllt, aber irgendwie besser, entspannter. Auf die kleinen täglichen Scharmützel, die  im realen Leben genauso stattfinden wie auf Mailinglisten habe ich schlicht keine Lust. Ich habe gesehen,

Ich weiß, welche Aufgaben so auf Abgeordnete und Vorstandsmitglieder zukommen und habe davor Respekt. Sicherlich fände ich aber schnell Anknüpfungspunkte, Themen gibt es genug.

Foreclosure of a dream.

Aus dem Grund – viele Themen – gibt es am Schluss doch noch ein endgültige Wahlempfehlung. Nicht nur für die Bundestagswahl sondern auch für alle sonstigen Wahlen: wählt einfach Die Linke. Das sorgt wenigstens dafür, das jemand unbequem nachfragt, bei den verschiedensten Themen. Opposition ist wichtig, egal wie die Regierung aussieht. Diese Opposition kann man vom Rest nicht erwarten, wenn es Spitz auf Knopf steht. Für weitere Ausführungen zum Thema bin ich für ein Getränk gern bereit.

Zitate aus: Megadeth „Foreclosure of a dream“,
auf: Countdown to Extinction. Capitol Records 1992,
Nr. 4

Ein beliebtes Thema der historischen Fiktion, schon seit geraumer Zeit, sogenannte „What if…“ Romane. Slavoj Zizek schreibt dazu:

Since the non-occurrence of the October Revolution is a favourite topic of ‘what if?’ historians, it’s worth looking at how Lenin himself related to counterfactuality. He was as far as he could be from any reliance on ‘historical necessity’. On the contrary, it was his Menshevik opponents who emphasised the impossibility of omitting one of the stages prescribed by historical determinism: first bourgeois-democratic, then proletarian revolution. When, in his ‘April Theses’ of 1917, Lenin claimed that this was the Augenblick, the unique opportunity to start a revolution, his proposal was at first met with stupefaction or contempt by a large majority of his party colleagues. But he had understood that the opportunity was provided by a unique combination of circumstances: if the moment wasn’t seized, the chance would be forfeited, perhaps for decades. Lenin was entertaining an alternative scenario: what if we don’t act now? It was precisely his awareness of the catastrophic consequences of not acting that impelled him to act.

(via)

Ein Zitat von Boris Kagarlitstki (Russisches Sozialforum), notiert bei diesem Seminar des European Social Forum in Athen 2006:

Left has not discussed about socialism for 10 to 15 years. This is a major handicap for us. The experiences of socialism in eastern europe should teach, we should learn from the decomposition of it. Socialism is not a set of values, it is a social concept.

Quelle: eigene Notizen

(Re)Reading Poulantzas

Für das Verständnis von Staat und Gesellschaft ist sein Verhältnis zur Produktionsweise entscheidend
– drei theoretische Ansätze: strukturell-deterministisch, technologisch-deterministisch, historisch-strukturalistisch
– historisch-strukturalistischer Ansatz erfasst die Produktionsweise als Wechselbeziehung von Ökonomomie, Politik und Ideologie.
– in diesen Wechselbeziehungen stehen sich Strukturen und verschiedene Formen der Klassenpraxis gegenüber
– Strukturen erfüllen spezifische ökonomische, politische und ideologische Funktionen die entscheidend sind für die Reproduktion der Produktionsweise

Von einer stabilen Produktionsweise lässt sich sprechen, wenn Strukturen auf jeder Ebene als integrierte Systeme funktionieren, in denen die Bedingungen für die Aneignung von Mehrwert aufrecht erhalten und ausgeweitet werden.
C.W. Barrow

– gesellschaftliches Handeln der verschiedenen gesellschaftlichen Klassen (=Klassenpraxis) führt zu Konflikten und Widersprüchen innerhalb der Strukturen
– eine besondere Struktur wird dadurch nötig, eben der bürgerliche Staat, dessen allgemeine Funktion das Regulativ des globalen Gleichgewichts ist
Eingriffe werden nötig weil:
– die ökonomische Ebene nicht von der Politischen unabhängig und
– das strukturelle Gleichgewicht ist nicht durch das ökonomische vorgegeben ist
– „Staat“ existierte schon immer in den (einzelnen) Produktionsverhältnissen, seine Funktion ist ökonomisch und ideologisch. In erster Linie ist es die politische Funktion des Staates, in der politischen Klassenauseinandersetzung die politische Ordnung aufrecht zu erhalten, „in scheinbar neutraler Gestalt Recht und Ordnung“
aus dem Buch Poulantzsas Lesen (Amazondirektlink).

Via kam ich zu diesem Paper (PDF), in dem Karl Marx wie folgt zitiert wird:

Die Staatsmacht war immer die Macht zur Behauptung der Ordnung, das heißt der bestehenden Gesellschaftsordnung und daher der Unterordnung und Exploitation der produzierenden Klasse durch die aneignende Klasse gewesen.
Zweiter Entwurf zum "Bürgerkrieg in Frankreich", 1871, MEW Band 17

Der Vorhang der Unparteilichkeit, der entsteht „solange diese Ordnung als unbestreitbare und unumstrittene Notwendigkeit hingenommen“ wird, ist für mich spätestens durch das zerrissen, was in Heiligendamm zu beobachten war. In der (sicherlich) vorläufigen Bilanz des RAV heißt es unter anderem:

– Mindestens drei Betroffene wurden nach der Ingewahrsamnahme oder während Demonstrationen geschlagen, in hilflose Lagen versetzt und mit dem Tode bedroht. In jedem Fall wurde der Eindruck hervorgerufen, ein Weiterprotestieren werde Tötung durch Polizeibeamte Folge haben. In einem Fall wurde auch das Verschwindenlassen angekündigt.
– Bei Kontrollen an einer S-Bahn-Station nahe dem Camp Rostock Fischereihafen griffen Polizeibeamte Frauen in den Schritt und machten dabei anstößige Geräusche. Darüber hinaus mussten sich mehrere Frauen bei Kontrollen vor männlichen Beamten ausziehen.

via, RAV.

Nicht gerade neutral, dieses Verhalten der Staatsmacht zu diesem besonderen Anlass. Jedoch erwartbar. Aber vielleicht gibt es ja ein parlamentarisches Nachspiel.