Karl Marx und seine Nachfolger gaben sich auffällig nüchtern und rational. Das lag wohl daran, dass die Kapitalismuskritiker damals als Romantiker und Träumer galten, als realitätsferne Wirrköpfe. Darauf reagierte man mit betont kaltschnäuziger und kühler Art. Diese Profilneurose führte zu Wortschöpfungen wie „real existierender Sozialismus“ oder die Überhöhung des „Marxismus“ zu einer „Wissenschaft“ – wenigstens in den Staaten, in denen das staatlich verordnet werden konnte.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob in dem Artikel in der brandeins ein Hohelied auf Pragmatismus und Nüchternheit gesungen werden soll, oder ob es eher um Stillhalten und Mitmachen geht. Vielleicht braucht es leidenschaftliche Nüchternheit, um die Welt zu verstehen, und im richtigen Moment nüchterne Leidenschaft, um sie zu verändern.

Die dazugehörige Schlüsselpassage findet sich in Marx’ und Engels’ Bestseller „Kommunistisches Manifest“ und lautet: „Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neu gebildeten veralten, ehe sie verknöchern können“ – und gleich anschließend erfährt man, wohin das führt: „Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“

Aber wahrscheinlich ist es dann doch so, dass das verwechselt wird.

Ganzer Artikel

Vor wenigen Monaten, als ich das letzte Mal meine Heimatstadt besucht habe, nahm mich mein Vater zur Seite. Gerade hatte ich der älteren Tochter ein Märchen erzählt. Er saß dabei und atmete tief durch die Sauerstoffmaske, die er wegen seiner COPD-Erkrankung tragen musste. Er sagte, er müsse mir noch ein Geschenk machen, hier und jetzt, kramte in einer alten Kiste und zog ein Buch heraus, an dem der Zahn der Zeit offensichtlich schon genagt hatte. Es war sein altes Märchenbuch, aus dem ihm als Kind vorgelesen wurde.

Ein paar Seiten fehlten, an einigen Stellen waren mit Bleistift Zeichnungen hinterlassen. Grimms Hausmärchen. Ich habe es nicht übers Herz gebracht ihm zu sagen, das ich diese schon habe und dem Kind regelmäßig daraus vorlese, so erstaunt war ich von dem Geschenk. Es ist das einzige Buch, das er mir geschenkt hat. Ich glaube, bei den meisten Geschenken die ich erhalten habe, hatte meine Mutter das sagen. Ich weiß nicht, ob ich mich so bedankt habe, wie er sich das gedacht hatte.

Einige der Märchen, die die Gebrüder Grimm da eingesammelt haben, lassen sich so lesen: trenne dich von etwas, das dein altes Leben bestimmt hat (Dünkel, Ekel, Lieb gewonnenes…) und etwas neues wird in dein Leben kommen, das potentiell besser ist. Oder wenigstens anders. Oder umgedreht: etwas Neues kommt in den Leben, etwas Altes verlässt dich.

Mein Vater starb am Montag Abends. Keine 6 Stunden, nachdem ich die Geburt meines eigenen Sohnes erleben durfte. Jetzt blicke ich in die blauen Augen meiner Familie und kann meinen Vater darin sehen.

Rise so high, yet so far to fall.

Politik war immer ein Thema. Es begann 1989, wurde 1991 / 1992 schlimmer, steigerte sich bis zum Beginn des neuen Jahrtausend, und nahm dann nach und nach ab. Es war so sehr Thema, dass wir Jugendlichen irgendwann das Verbot bekamen bei Familienfeiern politisch mit zu diskutieren, weil wir aus pubertären Gründen zum Überspitzen neigten, was für Aufregungen sorgte. Das wiederum ist angesichts der Ereignisse in meiner frühen Jugend nicht weiter verwunderlich. Ein Land war untergegangen, weil die Erwachsenen beschlossen hatten, das alles was sie uns vorher als richtig erklärt haben plötzlich falsch ist. Für zwölfjährige sehr spannend. Im neuen Land war dann alles so, wie es uns vorher erklärt wurde (jaja, Ideologie), wie wir es annahmen, wie selbst die Altvorderen es unter der Hand zugaben. Nur öffentlich wurde anderes gesagt. Bei solchen Vorbildern musste man politisch werden.

A plan of dignity and balance for all.

1992 kam ich nach Hof in Oberfranken in die Schule (ganz freiwillig) und verließ damit zumindest tagsüber Plauen. Es war ein anderer Mikro- und Makrokosmos, der mich prägte als der, in dem ich aufwuchs und lernte. Die Städte Franken waren noch die „rote Ecke“ Bayerns, dominiert von traditionellen Sozialdemokraten und Arbeiterinnenkultur. Meine Lehrer waren Sozialdemokraten, zumindest die Vorbilder unter Ihnen. 1996, mit Beginn meiner Lehre, wurde ich ganz selbstverständlich Mitglied der SPD, auch wenn diese damals schon nurmehr ein Abbild dessen war, was sie in ihrer Geschichte darstellte. Es war nett bei den Jusos, bald unternahm ich meine ersten Schritte in bayerischer Landespolitik. Das mag jetzt hochtrabend klingen, weil viel auch Selbstbeweihräucherung war, aber hey, wir haben über Schulpolitik geredet, Aktionen gegen Faschisten unternommen (nicht ansatzweise so gehaltvoll wie in späteren Jahren, kreative Aktionsformen zogen gern auch Diskussionen über Radikalität und die FDGO nach sich), Marx und Keynes studiert – was mensch halt bei den Jusos so treibt, wenn mensch sich treiben lassen kann.

Political breakthrough, euphoria’s high.

Schon 1995 hatte ich mein politisches Erweckungserlebniss, es verfolgt mich seitdem in Form von Oskar Lafontaine. 1999 wechselte ich zur damaligen PDS, die dann erst zur Linkspartei, dann zu Die Linke. wurde. Als ich nach Leipzig kam, hatte ich Erfahrungen in (zugegeben bayerischer) Landespolitik, in bundes- und europapolitischen Themen, zusammen mit anderen einen Bezirksverband aufgebaut und verschiedene lokale Organisationen betreut. Hier in Leipzig ging es genau mit diesen Themen weiter, auch wenn sich eine so „alte“ Partei deutlich von den Möglichkeiten in Oberfranken unterschieden hat. Leider hat das Alte auch sehr schnell meine Motivation gedämpft, lokal mitzumachen, daher habe ich mich auf Landes- und Bundespolitik beschränkt.

More borrowed money, more borrowed time.

Aber darüber will ich eigentlich gar nicht schreiben, das solte nur die Einleitung sein, die ist jetzt länger als das was kommt.

Backed in a corner, caught up in the race.

Mir geht es dieses Jahr zum ersten Mal so, das ich  mich nicht – direkt, im Vorfeld oder indirekt – an den Wahlkämpfen zu den Bundestagswahlen beteilige. Das hat verschiedene Gründe, die zum kleinen Teil in der Linkspartei, aber ehrlich gesagt zum großen Teil in mir selbst liegen.

Means to an end ended in disgrace.

Und ein Teil in Die Linke. ist der derzeitigen lokalen Führung und deren Stil geschuldet, meine Motivation zu mitzuwirken ist recht schnell bei Null gewesen. Das konnte von anderen Aktivitäten eine Zeit lang gut aufgefangen werden, aber irgendwann waren die Wochenende ohne dies schöner. Zur Zeit spiele ich lieber mit dem Kind, und bald mit den Kindern

Perspective is lost in the spirit of the chase.

Der wesentlich größere Teil liegt aber in mir selbst. Ich habe im Moment einfach besseres zu tun. Wenn ich das Leben jetzt mit dem Leben vorher vergleiche, sind die Wochenende zwar nicht so ausgefüllt, aber irgendwie besser, entspannter. Auf die kleinen täglichen Scharmützel, die  im realen Leben genauso stattfinden wie auf Mailinglisten habe ich schlicht keine Lust. Ich habe gesehen,

Ich weiß, welche Aufgaben so auf Abgeordnete und Vorstandsmitglieder zukommen und habe davor Respekt. Sicherlich fände ich aber schnell Anknüpfungspunkte, Themen gibt es genug.

Foreclosure of a dream.

Aus dem Grund – viele Themen – gibt es am Schluss doch noch ein endgültige Wahlempfehlung. Nicht nur für die Bundestagswahl sondern auch für alle sonstigen Wahlen: wählt einfach Die Linke. Das sorgt wenigstens dafür, das jemand unbequem nachfragt, bei den verschiedensten Themen. Opposition ist wichtig, egal wie die Regierung aussieht. Diese Opposition kann man vom Rest nicht erwarten, wenn es Spitz auf Knopf steht. Für weitere Ausführungen zum Thema bin ich für ein Getränk gern bereit.

Zitate aus: Megadeth „Foreclosure of a dream“,
auf: Countdown to Extinction. Capitol Records 1992,
Nr. 4

Disclaimer: ein Bekannter sammelt jährlich via E-Mail, Facebook und Co aus seinem Freundeskreis die Songs und Alben des letzten Jahres ein und kompiliert daraus immer eine interessante Collage aus aktuellen Krachern und alten Bretter. Ich will euch in loser Folge eine Auswahl meiner Allzeitfavoriten vorstellen.

Eine ganze Reihe von Platten und Künstlern begleitet mich schon seit einiger Zeit. Immer wieder wandern die Titel in meinen Player, bei guter Laune dies, bei schlechter Laune das. Was gibt es besseres, als über seine Lieblingsmusik zu schreiben? Ich dachte mir, ich lasse euch daran teilhaben und gebe euch einen kleinen Einblick. Hier schon mal die Titel, die natürlich nachträglich verlinkt werden.

Blind Guardian Nightfall in middle earth
Eins, Zwo Gefährliches Halbwissen,
Sport EP
Gojira From Mars to Sirius
System of a Down Hypnotize / Mesmerize
Slayer  Seasons in the Abyss
Caliban  Say Hello to Tragedy
Heaven shall Burn  Iconoclast (Part 1: The Final Resistance)
Max Bruch Violinkonzert Nr. 1 G-Moll op 26,
Violinkonzert Nr. 3 D-Moll Op 58

Wenn Ihr den Typ auf dem Fahrrad seht, der laut singend durch den Park fährt – das bin ich. Grüßt recht freundlich.

Hier noch das titelgebende Zitat in seiner ganzen Länge mit Referenz:

„Wie so?“ fragte Don Quijote; „kommt man, weil man Musikus und Sänger ist, auch auf die Galeeren?“

„Ja, Herr,“ erwiederte der Galerensklave, „denn es gibt nichts Schlimmeres, als in der Angst zu singen.“

„Ich habe mir vielmehr sagen lassen,“ sagte Don Quijote, „das wer da singt, sein Leid bezwingt.“

„Hier ist’s umgekehrt,“ sagte der Galeerensklave, „denn wer Einmal singt, muss sein Leben lang weinen.“

Miguel de Cervantes Saavedra, „Leben und Thaten des sinnreichen Junkers Don Quijote von der Mancha …“ Seite 115.

Badewanne sind eine Spitzensache. Die ganze Woche wartet und sehnt man sich danach, endlich in eine mit warmen Wasser und Blubberzeugs und Schaum gefüllte zu sinken, alles von sich abfallen zu lassen und einfach nur im warmen Wasser zu treiben. Augen zu. In einem guten Vollbad möchte man liegen bleiben bis es gar nicht mehr anders geht, bis die Haut verschrumpelt ist.

Eine warme Dusche ist nur ein Ersatz für dieses wohlige Gefühl, sie wird aber trotzdem gern genutzt um es wenigstens kurz zu haben. Wie ein billiges, schnelles Vergnügen, schal nach fünf Minuten, nur eine Vorstellung von dem Treiben lassen in der Wanne, in der man gerade steht mit Blick auf einen öden Duschvorhang aus dem Baumarkt der sonst beschämt versteckt würde. Man steigt schnell heraus, sucht beschämt nach einem Handtuch und Creme, sauber zwar, aber ohne das entspannende Gefühl der Nacktheit, das sich nur im Warmen so richtig einstellt.

Manche Menschen haben nur eine Dusche oder noch nicht mal das, die sind dann möglicherweise neidisch auf die Menschen mit Badewanne. Oder Dusche. Oder beides. Manche Menschen haben Dusche und Badewanne und können einfach beides haben, je nach Lust und Laune.

Leider wird das Wasser beim Wannenbad schnell kalt, die Liegelage unbequem, man beginnt von der hohen Luftfeuchtigkeit getrieben zu schwitzen, die Kopfhaut kribbelt und der Waschlappen im Gesicht macht die Lage auch nicht besser. Dann will man lieber duschen. Oder nur schnell raus. Und nur die Angst vorm kalten draußen hällt einen zurück. Noch einmal, zweimal lässt man warmes Wasser nach, verlängert den Moment. Bis das ganze Bad warm ist, die Kälte verdampft.

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I don’t. I’m a bad man who doesn’t waste time wondering what could’ve been when I am what could’ve been and what could not have been. I live on both sides of the fence. My grass is always green. Consider, Mr. Fisher… there are two men sitting here before you, and one of them you should be very afraid of. Where’s my money?

Quelle: Dieser Film.

Ich will keine Rache oder Strafe, ich will nur die Freiheit, die Dinge beim Namen zu nennen; das darf mir keiner mehr nehmen.

Quelle: Neues Deutschland

Meister Ki von Südweiler saß, den Kopf in den Händen, über seinen Tisch gebeugt da. Er blickte zum Himmel auf und atmete, abwesend, als hätte er die Welt um sich verloren. Ein Schüler von ihm, der dienend vor ihm stand, sprach: »Was geht hier vor? Kann man wirklich den Leib erstarren machen wie dürres Holz und alle Gedanken auslöschen wie tote Asche? Ihr seid so anders, Meister, als ich Euch sonst über Euren Tisch gebeugt erblickte.« Meister Ki sprach: »Es ist ganz gut, dass du darüber fragst. Heute habe ich mein Ich begraben. Weißt du, was das heißt? Du hast vielleicht der Menschen Orgelspiel gehört, allein der Erde Orgelspiel noch nicht vernommen. Du hast vielleicht der Erde Orgelspiel gehört, allein des Himmels Orgelspiel noch nicht vernommen.

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Foto von ritman - Freedom

Foto von Martin Neuhof

Manchmal, besonders an den schönen Tagen, empfinde ich eine tiefe, innere Leere. So als wäre gestern wie heute, heute wie morgen, morgen wie vorgestern. Nichts bewegt sich. Kein Grund zu Jammern, mein Leben ändert sich im Tagestakt, ich kann einem Menschen beim wachsen zusehen, wie sie neue Entdeckungen macht, neues kennen lernt.

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